Der Moschuspudel

Alte Eisenacher Geschichten
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Von all den Episoden, die Oma Horn der kleinen Gabi vorliest, fasziniert sie am meisten jene von Pascha, dem Pudel, der nach Moschus riechend durchs Haus rast und von jedem weggejagt wird.

10jaehrig

Aber die Phantasie des kleinen Mädchens wird auch von vielen anderen Persönlichkeiten gespeist, die aus den Erzählungen Marie Raschs in die Gedankenwelt Gabrieles springen:
Die stolze Fürstin Helene von Orléans, der Burgvogt von Arnswald, der Maler Moritz von Schwind, der stolze General Manteufel  u.v.a.
Und daß die berühmten «Buttertücher» ihre weltweite Verbreitung einem denkwürdigen Markttag hier in Eisenach zu verdanken haben, verblüffte nicht nur die kleine Gabi, sondern auch die Zuschauer!

buchblaetternDie Story ist ebenso schlicht wie authentisch:
Ein über vierhundert Jahre altes Haus im historischen Eisenach, Karlstrasse 1, gleich neben dem Schloß. Im Erdgeschoß seit Jahrhunderten eine Apotheke, im 1. Obergeschoß 1868 die Wohnung des 1821 geborenen, respektierten Amtsadvokaten und Politikers Ferdinand Hermann Hering.

Er bezieht die Wohnung 1848 als Junggeselle, heiratet im selben Jahr Friederike Amalie Auguste Reimann. Ein Sohn, von den vier Töchtern sterben zwei im Kindesalter. Der Sohn wandert als junger Mann aus, nach Amerika. Die kleine Marie erweist sich als ein waches Kind mit intensiver Beobachtungsgabe – aus ihr wird später die Schriftstellerin Marie Rasch, vor allem bekannt als Verfasserin der beiden 1905 im Verlag Friedrich Jansa (Leipzig) erschienenen Erzählbände «In der Hofapotheke» und «Im Schloß», die das wesentliche Material für den Film liefern.

Etwa neunzig Jahre später, wir schreiben das Jahr 1957, wohnt in denselben Räumen die Familie des Praktischen und Reichsbahnartzes und späteren Sanitätsrats Bingel, Walter Bingel, Ehefrau Ursula, der Sohn Rolf (im Film: „Rölfchen“) und die Tochter Gabriele (im Film: „Gabi“).

Die Großmutter Hedwig Horn, von allen nur “Oma Horn“ genannt, liest der kleinen Gabi immer wieder aus den oben erwähnten Büchern von Marie Rasch vor, denn Gabi findet es faszinierend, daß auch Marie als kleines Mädchen durch diese Räume sprang, in denen sie jetzt wohnt. Da auch Familie Bingel einen Hund hat, mit dem die kleine Gabi allerhand Schabernack treibt, fasziniert sie am meisten Maries Erzählung von dem Streich, bei dem die Gesellen in der Apotheke den Hund mit Moschus einrieben und deshalb sogleich das ganze Haus danach roch (s. Buch Teil 1, S. 16).

Auch der kleinen Marie wurde viel erzählt von Ereignissen vor ihrem eigenen Erleben, z.B. daß die berühmte Herzogin Helene von Mecklenburg-Schwerin, bekannt als «Helene von Orléans» und damals, in den 1860ern, wohl berühmteste Persönlichkeit des Orts, als Nachbarin zur alten Apotheke und zum Amtsadvokaten und dessen Familie für ihren Bruder das Taufmützchen nähte (s. Buch Teil 1, S. 31). Und daß der Vater, als er noch Junggeselle war, die Herzogin mit seinem Klavierspiel sehr berührte (s. Buch Teil 1, S. 23). Aber Marie erlebt auch selbst deutsche Geschichte sozusagen vor der Haustüre, denn die alte Apotheke wird zeitweise zum Lazarett, nach der Schlacht von Langensalza, im “Deutschen Krieg“. In der Erzählung «In der Hofapotheke» berichtet sie als Zeitzeugin Deutschland erfand und gestaltete sich in dieser Zeit gerade neu.

Gabi wiederum wird 1957 auch Zeitzeugin, nämlich über die menschlichen, allzumenschlichen Spannungen zwischen Westdeutschland und der DDR. Auch ihr Deutschland erfindet und gestaltet sich neu, was in den Augen und den Gefühlen eines zehnjährigen Mädchens andere Prioritäten setzt als politische: Der Film spielt während einer Woche, in der Dr. Bingels Bruder, der in Stuttgart lebende Hautarzt Rolf Bingel nebst Ehefrau und Töchterchen, zu Besuch ist und sich zahlreiche Reibeflächen als kritisch erweisen – Familienbande…

Der Wechsel zwischen historischen Szenen aus der Welt der kleinen Marie und Eisenachs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Alltagsszenen aus Eisenach 1957 liefert in einem Film zwei Zeitdokumente, jeweils im Kontext der Bewohner eines sehr alten Hauses.

Finale: Als sich Helene von Orléans 1858 von Eisenach verabschiedet, um “ihre letzte Reise” anzutreten (sie starb noch im selben Jahr in Richmond), und als sich die dann bereits sechzehnjährige Marie mit ihren Eltern 1873 von der Wohnung im 1. Stock der Karlstrasse 1 verabschiedet, verabschieden sich im Film auch die Besucher aus dem Westen von den Verwandten im Osten, erstere im Mercedes und vollkommen undramatisch...

Viele historische Szenen, aber auch authentisch wiedergegebener DDR-Alltag. Ein TV-Film von 90 Minuten, dessen historischer Wert weit über Thüringen hinausreicht.